In der Wissenschaftsstadt Adlershof, die auf dem ehemaligen Flugplatz Johannisthal gewachsen ist, soll ein neues Stadtviertel mit rund 1800 Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen. Das sieht der Entwurf eines Bebauungsplans vor, den Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) am Dienstag im Senat beschließen lassen wollte. Doch so weit kam es nicht, der Beschluss wurde vertagt. Wegen Widerstands in der rot-grün-roten Koalition, der sich unter anderem gegen den Abriss denkmalgeschützter Gebäude aus der Nutzungszeit des Areals als Flughafen richtet.

„Es haben sich noch Fragen im Zusammenhang mit dem Bebauungsplan ergeben“, sagte der Grünen-Abgeordnete Julian Schwarze. Insbesondere gehe es um den Umgang mit einer denkmalgeschützten Halle und den bezahlbaren Wohnungsbau. „Dass der Senat hierfür Zeit einräumt, ist zu begrüßen“, sagte Schwarze.

Von Tempelhof abgelöst

Die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg wird deutlicher. Sie geht auf Distanz zu den bisherigen Plänen, die eine maßgebliche Bebauung des Areals durch den privaten Projektentwickler Bauwert AG vorsehen. „Der Bebauungsplan ist noch genauso schlecht wie vor zwei Jahren“, sagte Gennburg. „Die Senatsverwaltung muss da nochmal ran, und die Bauwert AG sollte dringend ihre überzogenen Renditeinteressen dem historisch bedeutsamen Denkmalensemble unterordnen“, fordert sie. „Es kann doch nicht sein, dass die erhaltenswerte Bausubstanz des ersten Flugplatzes einfach weggebaggert werden soll, weil wieder mal ein Bauunternehmen sich eine goldene Nase verdienen möchte.“

„Wir dürfen nicht zulassen, dass der erste Flugplatz Berlins abgerissen wird und dann auch noch für ein überteuertes Quartier, das nur die Mieten in der Nachbarschaft hochtreibt.“ Der stadtgeschichtlich wichtige Ort müsse wiederbelebt werden, etwa mit der behutsame Entwicklung der alten Flughallen, fordert Gennburg.

Der Flugplatz Johannisthal war im September 1909 als erster unternehmerisch geführter Flugplatz in Deutschland eröffnet worden. Die Nutzung für den zivilen Passagierluftverkehr endete allerdings schon 1923 mit der Eröffnung des Zentralflughafens Tempelhof. Ab 1952 wurde Johannisthal nicht mehr als öffentlicher Flugplatz genutzt, 1995  offiziell geschlossen. Zum tragischen Ende gehört, dass der Astronaut Reinhard Furrer und der Pilot Gerd Kademann bei einer Flugshow 1995 tödlich verunglückten.

Das neue Stadtviertel soll auf einem rund 214.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Segelfliegerdamm, Groß-Berliner Damm, Gerhard-Sedlmayr-Straße und dem Landschaftspark Johannisthal entstehen. Das Areal wurde zwischen 1912 und 1918 als Werksgelände der Luft-Verkehrs-Gesellschaft (LVG) für den Flugzeugbau und anschließend industriell sowie militärisch genutzt. Laut Internetlexikon Wikipedia baute die LVG bis 1918 vor allem zweisitzige Schul- und Aufklärungsflugzeuge, darunter einen Zweisitzer mit schwenkbarem Maschinengewehr. Als Baudenkmale in dem Gebiet sind nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 13 Einzelgebäude und Gebäudeteile eingetragen, elf davon sind noch vorhanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände überwiegend durch den Volkseigenen Betrieb (VEB) Kühlautomat Berlin genutzt, Teilflächen von den Grenztruppen der DDR. Auf dem Grundstück Groß-Berliner Damm 80 wurde 1953 ein Gebäudekomplex errichtet, der dem Ministerium für Staatssicherheit als Büro- und Verwaltungsgebäude diente. Nach 1989 wurde der VEB Kühlautomat Berlin privatisiert, der 1996 seinen Betrieb vollständig einstellte. Seitdem findet nur eine untergeordnete gewerbliche Nutzung statt, wie aus dem Bebauungsplanentwurf hervorgeht. 2002 wurde das Areal an eine jüdische Erbengemeinschaft rückübertragen, die während des Zweiten Weltkriegs enteignet worden war.

Der überwiegende Teil des Geländes befindet sich heute im Besitz einer Kooperation aus der Bauwert AG und dem Weizmann Institut für Wissenschaften, einem Forschungsinstitut mit Sitz in Israel. Ziel der Bauwert AG sei es, „ein vielfältiges, lebendiges und nachhaltiges Quartier zu errichten, in dem alle Bedarfe des täglichen Lebens innerhalb von fünf Minuten zu Fuß erreichbar sind“, erklärte ein Sprecher. Von den rund 1800 Wohnungen sollen cirka 450 Wohnungen als mietpreisgebundene Unterkünfte, also als Sozialwohnungen, entstehen. 500 Wohnungen seien als weitere Mietwohnungen geplant, außerdem sollen 500 Eigentumswohnungen sowie jeweils circa 150 bis 200 Wohneinheiten für Senioren und Studierende errichtet werden.

Außerdem sollen Büro- und Praxisflächen entstehen. Zudem seien Gastronomie- und Service-Angebote wie ein Friseur und eine Fahrradwerkstatt geplant. Auch ein Quartiersparkhaus mit Mobilitätszentrum, zum Beispiel für Car-, Bike- und Scooter-Sharing, gehöre dazu.

Rund die Hälfte der Flächen soll nach Angaben der Bauwert AG an das Land Berlin verkauft werden. Berlin werde darauf öffentliche Straßen, soziale Infrastruktur, öffentliche Grün- und Freiflächen, geförderten Wohnungsbau sowie Gewerbeflächen errichten. Die übrigen Grundstücksflächen mit einer Größe von etwa 97.000 Quadratmetern werde die Kooperation aus Bauwert und Weizmann Institut entwickeln. Die Bauwert beziffert das geplante Investitionsvolumen auf ihrer Seite auf circa 660 Millionen Euro. Baubeginn soll Anfang des Jahres 2025 sein, die Fertigstellung des Quartiers wird „für das Jahr 2031 avisiert“.

Abriss von sechs Gebäuden

Von den elf unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden oder Gebäudeteilen sollen laut Stadtentwicklungsbehörde sechs Gebäude vollständig und ein Gebäude teilweise abgerissen werden. Eine Halle soll beseitigt und durch einen Neubau ersetzt werden, der sich in Größe und Material an der vorhandenen Bebauung orientiert und in dem vorhandene Bauelemente wiederverwendet werden. „Die Entscheidung zum Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz erfolgte in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden und beruhte auf deren denkmalfachlicher Einschätzung“, erklärte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Außer den wenigen denkmalgeschützten Gebäuden soll der 1953 vom Ministerium für Staatssicherheit errichtete Gebäudekomplex am Groß-Berliner Damm erhalten bleiben. Die übrigen Gebäude, die nicht denkmalgeschützt sind, sollen hingegen abgerissen werden. Grund hierfür ist laut Stadtentwicklungsbehörde „die insgesamt sehr schlechte Bausubstanz“.

Die Bauwert AG versichert, dass das „industrielle Erbe und die Erinnerung an den Beginn der motorisierten Luftfahrt“ ein „zentraler Baustein im Quartierskonzept“ sein soll. Ziel sei es, „die bewegte Geschichte des Areals und die Identität des Ortes im neuen Quartier wiederzubeleben und erlebbar zu machen“. Hierfür sei zum einen der Erhalt eines Ensembles von „vier prägnanten Bestandsgebäuden am Segelfliegerdamm geplant, die im Zuge der Projektrealisierung denkmalgerecht saniert, umgebaut und neuen Nutzungen zugeführt“ werden. Zum anderen solle sich „die Geschichte des Areals auch in der Gestaltung der Außenanlagen widerspiegeln sowie durch einen öffentlichen History Point erlebbar gemacht werden“.