Freitag, 16. Januar 2026, Berliner Zeitung
Streit um Gratis-Kartoffeln
Sächsische Agrarfirma verärgert mit Aktion brandenburgische Bauern
Harald Melzer
Mehrere tausend Tonnen Kartoffeln, kostenlos verteilt in Schulen, Kirchengemeinden, Nachbarschaftstreffs. Was in Berlin als ökologische und soziale Geste beworben wird, löst in Brandenburg scharfe Kritik aus. Der Bauernbund Brandenburg wirft der sächsischen Osterland Agrar GmbH vor, mit der Aktion gezielt regionale Märkte zu unterlaufen. Begleitet wird das Projekt von der Berliner Morgenpost und der Suchmaschine Ecosia.
Der Vorwurf ist klar formuliert. „Durch die gute Ernte sind Kartoffeln billig, die Erzeugerpreise decken kaum die Produktionskosten“, sagt Bauernbund-Vorstand Timo Scheib aus Biesdorf bei Wriezen. Gerade deshalb sei das Verschenken in dieser Größenordnung fatal: Die 4000 Tonnen entsprächen einem Marktwert von mindestens 300.000 Euro. „Hier bereitet ein von überregionalen Investoren finanzierter Agrarbetrieb gezielt den Markteinstieg in Berlin vor – auf Kosten der märkischen Bauern.“
Ungewöhnlich gute Ernte
Scheib spricht von „4000 Tonnen Verachtung von Lebensmitteln“ und von „Raubtierkapitalismus“. Die Berlinerinnen und Berliner ruft er auf, das Angebot nicht anzunehmen. Wer regionale Landwirtschaft ernst nehme, solle sich nicht an einer Aktion beteiligen, die den Absatz vor Ort schwäche.
Hinter der scharfen Wortwahl steht eine nüchterne Rechnung: Kostenlos verteilte Ware drückt Preise weiter. In einer Situation, in der viele Betriebe ohnehin kaum kostendeckend wirtschaften.
Die Initiatoren stellen die Aktion anders dar. Nach einer außergewöhnlich guten Ernte finden große Mengen Kartoffeln keine Abnehmer mehr. Statt sie zu entsorgen oder in Biogasanlagen zu geben, sollen sie nach Berlin gebracht und dort verteilt werden. Ein Teil der 4000 Tonnen soll auch an die Tafeln in Sachsen gehen.
Ziel sei es, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, Bedürftige zu unterstützen und zugleich einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Auch Osterland-Geschäftsführer Hans-Joachim von Massow verweist auf die Arbeit, die im Anbau stecke, und auf die ökologische Belastung einer Vernichtung. Unterstützt wird die Logistik von Ecosia.
Dass die handelnden Personen landwirtschaftlich erfahren sind, bestreitet auch der Bauernbund nicht. Von Massow wie auch Thilo von Schwerin, der im Umfeld des Unternehmens genannt wird, gelten als Unternehmer mit langjährigem Bezug zu Agrarbetrieben und Lebensmittelproduktion. Gerade deshalb wiegt der Vorwurf aus Brandenburg schwer: Hier gehe es nicht um Naivität, sondern um Strategie.
Denn aus Sicht der regionalen Betriebe gibt es Alternativen. Nicht verkaufte Kartoffeln müssten nicht zwangsläufig vernichtet werden, sagt Scheib. Sie ließen sich als Viehfutter verwerten oder in andere Nutzungskreisläufe integrieren.
„Einfach nicht abholen“
Entscheidend sei nicht die gute Absicht, sondern die Wirkung auf den Markt. Wenn große Mengen kostenlos in die Hauptstadt fließen, treffe das vor allem kleinere Höfe, die sich in den vergangenen Jahren ein wirtschaftliches Standbein im Kartoffelanbau aufgebaut haben.
So wird aus einer Rettungsaktion ein Grundsatzstreit über Landwirtschaft in Zeiten von Überproduktion: kurzfristige Hilfe für die Stadt gegen langfristige Stabilität auf dem Land. Oder, zugespitzt, die Frage, ob Lebensmittel vor allem verteilt – oder zuerst fair vermarktet werden sollten. Scheibs Fazit fällt entsprechend schlicht aus: „Dagegen gibt es ein höchst wirksames Rezept. Einfach nicht abholen.“ Die erste Kartoffel-Lieferung aus Leipzig sollte am Donnerstag in Berlin eintreffen. Mehr als 1300 Interessenten haben sich laut offizieller Website zur Aktion gemeldet.
Mehr Infos zu der Aktion und möglichen Abholadressen unter https://www.4000-tonnen.de/