Samstag, 25. Januar 2025, Berliner Zeitung
„Irgendwas ist falsch in Deutschland“
Unsere Reporter haben in Washington den MAGA-Anführer Steve Bannon getroffen. Ein Gespräch über die AfD, Tech-Milliardäre, Ostdeutschland und die Zukunft von Trump
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Moritz Eichhorn und Thomas Fasbender (Interview)
Lange bevor Donald Trump eine goldene Rolltreppe hinunterfuhr, um seine erste Kandidatur für die Präsidentschaft anzukündigen, bevor „Make America Great Again“ zur Losung der Bewegung wurde, bevor das Silicon Valley Trump unterstütze, gründete Steve Bannon 2011 „Breitbart News“. Die Online-Plattform wurde zu einem zentralen Organ der amerikanischen Rechten und Bannon zum Doyen der nationalistischen Populisten. Im Wahlkampf 2016 wurde er zur rechten Hand von Trump, dann Chefstratege im Weißen Haus. Doch das hielt nur ein halbes Jahr. Nachdem der ehemalige Navy-Offizier und Harvard-Absolvent Trumps Kinder öffentlich kritisiert hatte, verließ er die Regierung.
Seitdem ist viel passiert. Wegen seiner Rolle beim Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 und seiner Weigerung, vor dem US-Kongress den Tathergang aufzuklären, verbüßte er 2024 eine viermonatige Gefängnisstrafe. Doch auch heute noch wird Bannon zu Trumps engem Umfeld gerechnet. Er gilt als identitärer Vordenker, in dessen Augen den USA eine historische Rolle im Rahmen der jüdisch-christlich geprägten westlichen Zivilisation zukommt. Zuletzt legte er sich öffentlich mit Elon Musk an. Bannon empfängt im Obergeschoss eines zweistöckigen Townhouses direkt hinter dem Obersten Gerichtshof der USA. Im Untergeschoss befindet sich sein Aufnahmestudio. Er nennt das Gebäude die Botschaft der Republik MAGA.
Mr. Bannon, von Europa aus betrachtet wirkt die „Make America Great Again“-Bewegung isolationistisch. Gleichzeitig unterstützen Sie populistische Parteien von Brasilien bis Europa. Wie passt das zusammen?
Wir sind populistische Nationalisten. Wir glauben, der beste Weg für das Schicksal und die Selbstbestimmung zumindest der heutigen Menschen ist das Konstrukt des Nationalstaats. Wir sind aber keine Isolationisten. Wir wollen das Ende des amerikanischen Imperiums, das von den revolutionären Gründern Ende des 18. Jahrhundert nie angestrebt wurde. Wir sind antiimperialistisch und überzeugt davon, dass die regelbasierte Weltordnung der Nachkriegszeit von den Globalisten hintergangen wurde, um amerikanische Jobs durch chinesische Sklavenarbeit zu ersetzen. Unser Projekt ist anders. Wir glauben, dass der jüdisch-christliche Westen die größte und freieste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit ist. Trotzdem: Wir sind weder Isolationisten noch wollen wir, dass ein einheitliches System die Welt regiert. Westeuropa, die Golfemirate, Israel, die Küstenstaaten rund um das Südchinesische Meer und dann Nordostasien mit Südkorea und Japan – das sind alles heute schon Protektorate der USA.
Also gegen das „Liberale Imperium“ und gegen die „Neocons“ der 90er-Jahre.
Den neoliberalen Neokonservatismus, also den „Washington Consensus“, lehnen wir völlig ab. Die Finanzkrise von 2008 und die finanziellen Entscheidungen rund um die Pandemie, insbesondere unter Joe Biden, haben zu einer unglaublichen Konzentration von Reichtum bei buchstäblich einem Prozent der amerikanischen Bevölkerung geführt. Das hätten die Gründungsväter der USA nie gewollt, ebenso wenig die Konzentration monopolistischer Macht. Diese Konzentration, die wir jetzt im Zuge des technologischen Fortschritts erleben, bei den Herren des leicht verdienten Gelds an der Wall Street und gepaart mit dem Apartheidstaat im Silicon Valley, führt zu einer Art Techno-Feudalismus. Die Menschen werden zu digitalen Leibeigenen oder Sklaven einer neuen Aristokratie: Facebook, Elon Musk und Twitter, Marc Andreessen.
Sie wollen ein Ende der imperialen USA und unterstützen zugleich Emanzipationsbewegungen im übrigen Westen?
Und in China. Die oligarchischen Kapitalisten haben die chinesische Sklavenarbeit benutzt, um die Löhne in der ganzen Welt zu drücken. Die Leute in den staatlichen Industrien in China arbeiten für einen Hungerlohn und ohne Umweltkontrollen. Wall Street weiß das und ist begeistert. Wall Street liebt Apartheidstaaten. Sie würden auch Sklavenarbeit lieben. Solange es die nicht gibt, haben sie die H-1B-Visa und holen Vertragsarbeiter aus Südasien. Diese Tech-Leute sind gefährlich. Technologie hat, sofern sie nicht für Waffen verwendet wurde, stets zu mehr Freiheit und mehr Freizeit geführt. Jetzt sind wir aber bei einer Technologie, bei der es um Dominanz geht, um digitale Dominanz. Das ist der Netzwerkstaat, ein ziemlich gefährlicher, faschistischer Staat, der gegen alles steht, woran Menschen in einer konstitutionellen Republik glauben. Nämlich an die Fähigkeit, auf eigene Faust zu gedeihen, und den Willen, in Ruhe gelassen zu werden.
Es geht nicht darum, sich von den USA zu emanzipieren, sondern von einer fehlgeleiteten Ordnung?
Von einer etablierten Ordnung, die enorm viel Geld verdient. Wenn man sich das Geschäftsmodell des US-Imperialismus anschaut, läuft es doch gut für die Imperialisten. Für die Herren des leicht verdienten Gelds, für die Waffenhersteller, für Big Pharma, für den Apartheidstaat des Silicon Valley. Wenn unsere revolutionäre Generation heute zurückkäme, würde sie ausspucken angesichts des politischen Systems. Washington ist heute eine imperiale Hauptstadt. Und die Menschen hier, der Apparat, die nehmen uns nicht mit offenen Armen auf. Im Grunde ist es die Übernahme einer kaiserlichen Hauptstadt. Wir kommen wie die Westgoten nach Rom.
Das heißt, Sie kämpfen an zwei Fronten: Auf der einen Seite der alte „Deep State“, der noch nicht besiegt ist, auf der anderen Tech-Feudalisten, die inzwischen auch ein Teil der Trump-Bewegung geworden sind.
Nicht wirklich ein Teil. Sie versuchen, die Welle mitzureiten.
Immerhin sitzen sie mit dem reichsten Mann der Welt in einem Boot.
Für jede Art von Bewegung gilt: Um zu gewinnen, brauchen Sie verschiedene Strömungen. Elon Musk hat uns an einem wichtigen Punkt unterstützt, 2024 im Mai und Juni. Damals ging es für Trump darum, die mythische Vorstadt-Mom zu erreichen, sich auch sprachlich zu mäßigen, MAGA für die weniger informierten, weniger geneigten Wähler zu öffnen. Christen, Waffenbesitzer, Moms für die Freiheit, Afroamerikaner und Hispanics. Das ist die Koalition. Und die Tech-Bros haben mitgemacht. Nicht Zuckerberg und Bezos – deren Weg nach Damaskus begann am 6. November. Von Elon kamen 250 Millionen Dollar. Normalerweise bringen die Leute 100 Millionen Dollar über vier Jahre. Musk hat das Geld in fünf Monaten bereitgestellt.
Zweitens versuchen wir seit langem, den „Deep State“ zu zerlegen. In der ersten Trump-Regierung stießen wir auf enormen Widerstand. Elon kommt jetzt mit DOGE (Anm. d. Red.: Department of Government Efficiency). Drittens müssen wir mit unseren Kollegen in Europa zusammenarbeiten. Dort gibt es sehr wenig Geld in der Politik. Wer stellt bei Ihnen schon einen 50-Millionen-Dollar-Scheck aus?
Was Europa angeht, kontrolliert Elon Musk die beiden taktischen Atomwaffen der modernen Politik: unbegrenztes Geld und eine Social-Media-Plattform. Es gibt in Europa keine Mitte-Links-Regierung, die es mit Musk aufnehmen kann. Das ist ein Gamechanger. Wobei Elon, weil er eben nur die Reife eines Elfjährigen hat, manchmal auch sein Spielzeug aus der Straßenbahn wirft und sich gegen die eigenen Verbündeten wendet. Wird er für Disruption sorgen? Die Möglichkeit hat er. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er gute Absichten hat. Er will der erste Billionär werden. Aber der Feind meines Feindes – und der Feind ist dieser Weltapparat – ist mein Freund.
Sprechen Sie mit ihm darüber?
Er kennt mich gut und ich ihn. Auf einer Ebene bin ich sein Bewunderer, aber ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Und er weiß das auch. Ich bin ein verdammt verrückter Ire, ich schalte einfach auf stur. Und ich habe herausgefunden, dass man im modernen politischen Leben, wenn man sich reinhängt und nicht aufgibt, zumindest etwas bewegen kann. Wir erleben einen Paradigmenwechsel.
Ist das nicht auch der Grund, warum Elon Musk im Wahlkampf mitgemischt hat?
Wie die anderen auch. Glauben Sie, Mark Zuckerberg ist jetzt unser Freund? Der Typ ist ein Krimineller. Er sollte im Gefängnis sitzen. Aber Populismus kann nicht aufgepfropft werden. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Wenn Sie sich die amerikanische Geschichte ansehen, setzt sich am Ende immer der gesunde Menschenverstand durch. Und jedes Mal, wenn die richtige Entscheidung getroffen wurde, bedeutete sie auch ein großes Opfer für die jeweilige Generation. Da sind wir heute wieder.
Musk und Sie sind sich in einem einig: Sie unterstützen beide die AfD.
Ich liebe die AfD!
In Deutschland hört man das mit Befremden. Was macht Sie so überzeugt, dass die AfD ein Allheilmittel ist?
Ich habe nicht gesagt, dass sie ein Allheilmittel ist. Sie erhebt ihre Stimme und hat den Mut, für eine Reihe von Forderungen einzutreten, insbesondere was die Masseneinwanderung betrifft. Das deutsche Establishment hat das Land deindustrialisiert. Diese Dekarbonisierung ist Wahnsinn. Sie sind eine fortschrittliche Industriemacht und steuern auf den finanziellen Zusammenbruch zu. Und zwar aufgrund von Entscheidungen in den Bereichen Masseneinwanderung und Deindustrialisierung. Sie zerstören ihr Land vor den eigenen Augen. Die AfD unterscheidet wenigstens, dass sie sich dagegen wehrt.
Sehen Sie die AfD irgendwann in der Regierung?
Wer weiß das schon. Aber hier und jetzt, vor den Wahlen, unterstütze ich diese Leute. Ob in acht oder zehn Jahren auch noch, weiß ich nicht.
Sie unterstützen sie als Protestpartei oder wegen irgendwelcher Lösungsvorschläge?
Schauen Sie, das ist doch ein Prozess. Die AfD arbeitet auf Lösungen hin. Sie kommt mit neuen Gedanken. Und vergessen Sie nicht, es gibt Unterschiede zwischen den Teilen des Landes. Die Leute im Osten haben ein anderes Gespür als die im Westen. Manche sind ein bisschen raubeiniger, manche sind umgänglicher, die kann man auch zum Essen einladen. Was mir an der AfD gefällt: Sie hat sich furchtlos gegen den Druck gewehrt. Irgendwas ist falsch in Deutschland, vor allem mit den Medien. Sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht oder die deutsche Krise nicht erkannt. Die Chinesen nutzen das aus. Die haben ihre mittelständische Industrie schon weitgehend zerstört. Den Rest stehlen sie auch noch. Mehr als alle anderen im Westen rast ihr auf die Zerstörung zu, die Selbstzerstörung. Auch mit der Geschichte in der Ukraine. Nicht durch äußere Kräfte, sondern durch bewusste Entscheidungen eurer Eliten. Was noch wichtiger ist: Die Entscheidungen wurden nicht einmal national debattiert. Es gibt keine wirkliche Diskussion über die massiven politischen Veränderungen bis hin zur Selbstzerstörung. Und die ist zu hundert Prozent hausgemacht.
Dabei war Deutschland zögerlicher als andere, wenn es darum ging, Waffen in die Ukraine zu schicken. Schließlich haben die USA unter Biden das vorangetrieben.
Um John Mearsheimer zu zitieren: Sie führen das ukrainische Volk auf der schiefen Ebene in die Zerstörung; sie werden kämpfen bis zum letzten Ukrainer. Wir haben Präsident Trump und seinem Umfeld gesagt: Ihr solltet sofort erklären, dass wir die Unterstützung stoppen, ohne Sicherheitsgarantie. Wir müssen einen sofortigen Waffenstillstand fordern.
Ernsthaft? Waffenstillstand und sofortige Einstellung der Unterstützung?
Waffenstillstand in 48 Stunden. Oder die Zahlungen einstellen und einen Rahmen für Verhandlung schaffen. Aber Trump darf sich den Krieg nicht zu eigen machen. Wenn wir in sechs Monaten immer noch darin verwickelt sind, werden alle sagen, es sei Trumps Krieg, Trumps Vietnam.
Im gesamten Westen erleben wir dieselben Veränderungen: grundlegende Probleme mit der Migration, mit der Wirtschaft, mit dem Kulturkampf. Warum ist das so?
Verantwortlich ist die Fraktion, die wir „Davos“ nennen, die globalistischen Eliten. Die sind durch und durch säkular und hassen die Grundlagen des jüdisch-christlichen Abendlands.
Wieso glauben Sie das? Es ist doch deren eigene Kultur.
Da bin ich völlig anderer Meinung. Sie sind total säkularistisch. Atheisten. Ich glaube, es geht denen nur um Macht über Menschen und Geld. Allein die Konzentration von Reichtum. Und nicht zu vergessen die Heuchelei. Alle waren sie progressiv, Elon Musk bis Juli auch. Die anderen waren es bis 10 oder 11 Uhr abends am 5. November. Jeff Bezos hat noch vor zwei Wochen im Oval Office zusammen mit George Soros’ Sohn eine Medaille entgegengenommen. Zuckerberg gehört auch dazu. Alle so reif wie Elfjährige. Wollen sich einen Umhang umhängen und Superman sein. Das funktionierte, bis es eben nicht mehr funktionierte. Dann haben sie zuerst unsere Stimmen unterdrückt, versucht uns zu vernichten. Und als auch das nicht klappte, haben sie die Seiten gewechselt.
Welche Rolle werden Sie in der Trump-Regierung übernehmen?
Keine. Der „War Room“ (Bannons Podcast-Format, Anm. der Red. ) ist zu wichtig, sowohl für Präsident Trump als auch für MAGA. Er muss als eigenständige Kommandozentrale erhalten bleiben. In der modernen Politik braucht man eine mächtige Plattform, um das eigene Narrativ voranzutreiben und die gegnerischen zu zerstören. Das ist der „War Room“.