Dienstag, 16. Dezember 2025, Berliner Zeitung
Noch ein Jahr gesperrt
Vor drei Jahren wurde der Verkehr eingestellt. Nun nennt die BVG einen Termin für die Wiedereröffnung der U6 nach Alt-Tegel
Peter Neumann
Der Anwohner klingt besorgt. „Seit Langem habe ich niemanden mehr auf der Baustelle gesehen“, berichtet er. Vor mehr als drei Jahren wurde die U-Bahn-Linie U6 zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel gesperrt, weil die Strecke saniert werden musste. Im Norden Berlins fragt man sich, wie lange die Arbeiten noch dauern. Jetzt haben sich die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum Zeitplan geäußert. Es gibt eine „gute Botschaft“, sagte Nils Kremmin, Sprecher des Landesunternehmens.
Zu optimistisch
Es geschah am 7. November 2022: Die U6 wurde geschrumpft. Die Bauarbeiten zur Erneuerung der 1958 fertiggestellten Strecke nach Tegel begannen. Seitdem ersetzen entlang eines 4,5 Kilometer langen Abschnitts Busse die U-Bahnen.
Damals hieß es, dass die Stationen Scharnweberstraße, Otisstraße, Holzhauser Straße, Borsigwerke und Alt-Tegel ab Frühjahr 2025 wieder auf dem Schienenweg erreichbar sein werden. Doch dies erwies sich als zu optimistisch – wie schon einige Erwartungen zuvor. Eigentlich sollte das Projekt 2020 beginnen und maximal 20 Monate dauern. Weil aber dann doch ein Planfeststellungsverfahren für notwendig gehalten wurde (etwa wegen der Fällung von 271 Bäumen), zog es sich schon früh in die Länge.
Das Baupensum ist groß. Der Abriss der denkmalgeschützten Spannbetonbrücke über der Seidelstraße erwies sich im Rückblick als eine der leichtesten Übungen. Das von 1956 bis 1958 errichtete Bauwerk, auf dem zuletzt Tempo 30 galt, war bereits mehrfach saniert worden. Trotzdem bekam es 2012 lediglich die Note 2,7: noch ausreichender Bauwerkszustand. Gründe waren Betonabplatzungen, Risse sowie Roststellen.
Als schwieriger erwies sich das Vorhaben, den 2,3 Kilometer langen Damm abzutragen und neu zu bauen. Der oberirdische Abschnitt, der mit Trümmerschutt aufgeschüttet worden war, bekommt nach einer Umplanung nun eine Kunststoffgitterkonstruktion zur Stabilisierung. Die neue Ersatzbaustoffverordnung des Bundes erhöhte die Komplexität des Projekts. Erdbaumaterialien müssen von zertifizierten Laboren auf Schadstoffe hin untersucht werden, bevor sie wieder eingebaut werden dürfen.
Nicht minder kompliziert sind die Arbeiten in den unterirdischen U-Bahnstationen entlang der Strecke. Bahnsteigplatten müssen abgebrochen und wieder neu errichtet werden.
Dass immer wieder Material von den Baustellen gestohlen wurde, sorgte für weitere Probleme. Hieß es eine Zeit lang, dass die U6 ab Sommer 2026 wieder nach Alt-Tegel rollt, wurden spätere Terminangaben wolkiger. Von einer Wiedereröffnung 2026 war die Rede. Zuletzt wurde intern von September auf November 2026 korrigiert. Immer wieder schüren Unterlagen zu Vergabeverfahren Befürchtungen, ob sich die Sperrung nicht sogar bis 2027 hinzieht. So hat die BVG den Auftrag, drei Treppen im U-Bahnhof Borsigwerke zu sanieren, mit einer geschätzten Laufzeit bis zum 14. Mai 2027 versehen.
Doch inzwischen habe das Projekt U6 ruhiges Fahrwasser erreicht, teilte die BVG mit. „Die gute Botschaft vorab: Wir sind bei der Streckensanierung der nördlichen U6 auf Kurs“, sagte BVG-Sprecher Nils Kremmin auf Anfrage. „Wir gehen deshalb davon aus, dass Ende 2026 der Fahrgastverkehr wieder bis Alt-Tegel rollen wird.“
Die derzeitigen Arbeiten konzentrieren sich auf die Bahnhöfe und Betonbrücken, da der Rest der Strecke bereits weitestgehend fertig ist, so Kremmin. „Aktuell werden die Bahnsteigplatten in den U-Bahnhöfen Borsigwerke, Holzhauser Straße und Scharnweberstraße betoniert. Im Frühjahr erfolgt der Ausbau der Technikräume. Die neue Brücke über die Seidelstraße ist fertig, die Brücke über die Autobahn wird es im Januar/ Februar sein“, berichtete der Sprecher.
„Der Ersatzverkehr lief bisher über den gesamten Zeitraum der Bauarbeiten sehr gut“, sagte Nils Kremmin. Das kann der Anwohner, mit dem die Berliner Zeitung sprach, bestätigen. Die Wartezeit beim Umsteigen von der U-Bahn zum Bus seien kurz.
Eine Sorge kann jedoch nicht ausgeräumt werden. Auch die Autobahn nach Tegel soll saniert werden. Die Projektmanagementgesellschaft Deges will die A111 auf dem gesamten Berliner Abschnitt erneuern. Weil dafür jahrelang Fahrstreifen gesperrt werden müssen, sei es wichtig, dass mit der U6 eine Alternative zum Straßenverkehr zur Verfügung steht, sagen Pendler. Doch der Bauherr, die Autobahn GmbH des Bundes, schließt nicht aus, dass die Arbeiten beginnen, wenn die U6 noch gesperrt ist.
„Es wäre schön, wenn die Verkehrsträger untereinander Rücksicht nehmen. Aber: In Berlin gibt es viele marode Verkehrswege, und wir alle müssen schnell handeln, weil über die Jahre nicht genug für den Bauwerkserhalt getan wurde“, sagte Ronald Normann, Direktor der Niederlassung Nordost. „Wenn sich die Autobahn GmbH an der A111 zurücknehmen würde und auf die Wiedereröffnung der U-Bahn warten würde: Was wäre, wenn unseren Bauwerken etwas geschieht, auf das wir rasch reagieren müssen?“
Bei einer anderen U-Bahn-Baustelle zeichnet sich ein Ende ab. Wegen eines Brandes im U-Bahnhof Schloßstraße im Süden von Berlin gibt es Schienenersatzverkehr zwischen Bundesplatz und Rathaus Steglitz. Das Feuer brach am 28. November aus, die Kriminalpolizei ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung. Zuletzt hieß es intern bei der BVG, dass die U9 ab Ende des Jahres wieder auf ganzer Länge verkehren könne. Derzeit sieht es so aus, dass diese Zusage eingehalten wird – mit einer minimalen Verzögerung.
Im Pendelbetrieb
Ein finales Konzept gibt es noch nicht. Aber dem Vernehmen nach wird geprüft, auf dem heute noch gesperrten Abschnitt den Betrieb ab dem 5. Januar 2026 mit einem Pendelzug wieder aufzunehmen. Fahrgäste nach Steglitz müssten zwar umsteigen, könnten sich aber die lange Busfahrt durch den Stau sparen.