Freitag, 23. Januar 2026, Berliner Zeitung
Sie wissen, worum es geht
Das finanziell bedrohte Gefängnistheater „Aufbruch“ zeigt „Warten auf Godot“
Ulrich Seidler
Doch, Samuel Beckett konnte lachen. Mindestens ein Fall ist belegt. Der irische Schriftsteller hat gelacht, als ihm Jan Jönson von seiner „Warten auf Godot“-Inszenierung erzählte. Der schwedische Regisseur hatte Becketts bekanntestes Stück sehr erfolgreich in einem Gefängnis inszeniert. Bei einem Gastspiel im Theater Göteborg sind vier der fünf Schauspieler nach der Pressekonferenz durch den Bühneneingang in die Freiheit geflohen. „Kurz hielt er den Atem an, dann brach er in Lachen aus und sagte leise: Das ist das beste, was meinem Stück widerfahren ist, seit ich es geschrieben habe.“
Wenn man es mit einem Sinn für Metaphern betrachtet – und den Gedanken an Gerechtigkeit und Strafe ausklammert – wird man Becketts Freude teilen. In seinen Werken repetieren einsame, abgehängte, bis zur Bewegungs- und Kommunikationsunfähigkeit verstümmelte Wesen finstere Erkenntnisse über die Sinnlosigkeit des Daseins. Für Beckett ist der Mensch nichts anderes als ein Isolationshäftling des Lebens. Für ihn gibt es keine Flucht und erst recht keine Freiheit.
Seltener Kraftort
Wenn es doch einen Ort geben sollte, an dem der Mensch zueinander findet, dann ist es das Theater. Hier hat seine Fähigkeit zur Empathie und zur Identifikation und zur Verwandlung seinen Ort. Und dass die vier Schauspieler diesem Beckett’schen Gefängnis ausgerechnet durch den Bühneneingang entkommen, ihren Weg also sozusagen rückwärts durch das Theater in die Welt suchen, beweist ihren Drang und ihre Hoffnung – und die Ohnmacht der intellektuellen Depression angesichts purer Lebensgier. Oder hat Beckett über den einen gelacht, der lieber nicht abhaute?
Die Geschichte stammt aus Pierre Temkines Beckett-Buch „Warten auf Godot – das Absurde in der Geschichte“ und ist im Programmheft der Theatergruppe „Aufbruch“ abgedruckt.
Klar, denn „Aufbruch“ ist ein Theaterprojekt um den Regisseur Peter Atanassow und die Produktionsleiterin Sibylle Arndt, das seit den Neunzigern regelmäßig mit Gefängnisinsassen Inszenierungen erarbeitet. Der lange Atem, der verlässliche Kooperationen über die Gefängnismauern hinweg erst ermöglicht, und der aus tiefer Überzeugung gespeiste künstlerische Anspruch machen „Aufbruch“ zu einem seltenen Kraftort der Menschlichkeit und des Theaters. Dass die Justizverwaltung im Zuge des Berliner Sparhaushaltes Mittel gestrichen hat, ist ein Skandal. Das Theater, dessen Etat um 70 Prozent eingebrochen ist, macht trotzdem weiter. Fast so, als könnte es nicht anders.
Die Premiere des Beckett-Stücks im Kultursaal der Justizvollzugsanstalt Plötzensee wird mit stehenden Ovationen gefeiert. Auch hier gibt es mehr Spieler als Figuren, Schlüsseltexte des Stücks werden chorisch gesprochen, die Rollen werden getauscht und aufgesplittet. Es wirkt wie das Echo eines abgenudelten Klassikers, das sich durch Zaunmaschen, Stacheldraht, Fenstergitter und Mauerfugen gequetscht hat und in den Kammern der institutionalisierten Hoffnungslosigkeit Lichter ansteckt. Die sieben Schauspieler agieren denn auch völlig unerschrocken und pathosfrei, klamüsern die Ausweglosigkeit der Gedanken aus, stellen sich ihrer Wucht – aber immer auch mit einem Grinsen.
Sie wissen, wie es Wladimir und Estragon geht, die sich jeden Tag bei einem Bäumchen – hier der Stumpf einer ungefähr 1000-jährigen Trauerweide – treffen und sich für einen gewissen Godot bereit halten müssen, der sich nicht blicken lässt. Die Qual des Wartens, die Vernichtung von Lebenszeit, die Unfreiheit des Daseins, die Diffusität der Sehnsucht nach einem Woanders und die fadenscheinige Hoffnung auf ein Danach – mit alledem haben die Einsitzenden zu tun. Nur eben im Moment nicht, da sie auf der Bühne stehen und hoffentlich auch in den 300 Stunden nicht, in denen sie die Inszenierung einstudiert haben.
Stärker als bei Beckett
Atanassow bricht die Begriffsstruktur des Stückes auf. Klassische Klaviermusik, live gespielt von Vsevolod Silkin, hebt das Gesagte auf eine höhere Stimmungsebene. Spröde Maskenauftritte halten das Geschehen an und verschieben es in die Sphäre des Albtraumhaften. Auf den Boden der Realität holt er es mit zeithistorischen Videoschnipseln, die er an die Wand projiziert: Weltkriege, Reichstagsbrand, Naziaufmärsche, Protest und Terrorismus in den Nachkriegsdeutschländern, Bau der Mauer, Flugzeuge im World Trade Center und so weiter. Sie beweisen, dass das Theater der Realität hinsichtlich ihrer Absurdität nicht das Wasser reichen kann.
Das mag alles ein bisschen viel und kleinteilig sein. Aber dass der Abend und das Tun auf der Bühne immer wieder zu zerfallen drohen, holt einen immer wieder zurück in die besondere Situation, in der man sich im Gefängnis befindet. Auf dieser Metaebene fließt der eigentliche Strom dieser Kunst, hier pulsiert die Verbindung von ausgegrenzten Insassen und freien Zuschauern. Eine zwischenmenschliche Verbindung, nach der man in Becketts Stücken lange suchen muss.
Warten auf Godot. 23., 26., 27., 29., 30. Januar sowie 2., 3., 4., 6. Februar, jeweils 18 Uhr im Kultursaal der JVA Plötzensee, Karten und Informationen zu den besonderen Einlassbedingungen unter www.gefaengnistheater.de
Das Theater, dessen Etat um 70 Prozent
eingebrochen ist, macht trotzdem weiter.
Fast so, als könnte es nicht anders.