Wissen Sie, was ein Zwick ist? Nein? Ein Zwick ist ein intersexuelles Rindviech. Meist ähneln Zwicke äußerlich einer Kuh, haben aber keine Eierstöcke. Sie entstehen, wenn bei einer Zwillingsschwangerschaft die Hormone des männlichen Fötus auch den weiblichen beeinflussen. Bei Hausrindern ist so ein Geschlechtermix keine Seltenheit, auf Englisch sagt man Freemartin dazu. Sanftmütig wie eine Kuh, aber erheblich muskulöser als diese, waren Zwicke bis Mitte des 20. Jahrhunderts beliebte Zugtiere. Mit Erfindung des Treckers war das vorbei.

Den Zwick lernen wir in „Queere Tiere“ vom Magda Wystub und Justin Time kennen, zusammen mit anderen inspirierenden und manchmal auch überraschenden Varianten der Fauna.

Dass alle Regenwürmer Hermaphroditen sind, hat sich vielleicht schon herumgesprochen, aber dass alle Maulwurfsweibchen neben Eierstöcken auch Hoden haben, dürfte für viele eine Neuigkeit sein. Wer liest, dass Dschungel-Teppichpython-Männchen zwei Penisse und die weiblichen Pendants zwei Klitorides haben, lernt nicht nur etwas über Schlangen, sondern den Plural eines lange unterschätzen Lustorgans. Und wenn das Rotstirn-Blatthühnchen sich mit mehreren Hähnen paart und den Vätern Nestbau und Küken überlässt, bekommt das Wort Gockel einen ganz anderen Klang.

In 33 schwungvoll geschriebenen, genau recherchierten Kapiteln erzählt Magda Wystub von hochinteressanten Tieren, ihren Körpern, ihrem Verhalten. Eine Literaturliste am Ende des Buchs lädt zum Weiterlesen ein.

Justin Time steuert Illustrationen bei, auf denen alle vorgestellten Arten sehr charmant aussehen, was sie gar nicht immer sind. Das putzige Blatthühnchen tötet zum Beispiel schon mal die Küken von Konkurrentinnen, auch das steht in diesem Buch. Die Tiere werden nicht als queere Role Models vermenschlicht, wohl aber mit Respekt und auch Wohlwollen betrachtet.

Es ist erfrischend zu lesen, dass Giraffen, Delfine, Paviane sich häufig homosexuell vergnügen, dass Regenwürmer, Maulwürfe oder Zwicke nicht ins herkömmliche Männlein-Weiblein-Schema passen, dass Kaiserschnurrbarttamarine (das sind kleine Affen) die Care-Hierarchien umdrehen, dass Seepferdchen-Väter die Jungtiere austragen, gleichgeschlechtliche Albatros-Paare Küken großziehen, bei Heckenbraunellen wie bei allen Singvögeln keineswegs nur die Männchen singen, Schildkröten ihr Geschlecht je nach Bruttemperatur entwickeln oder Rosenschleier-Feenlippfische es bei Bedarf einfach wechseln.

Einiges davon bekommt heute beste Presse (schwule Pinguinväter im Zoo!), das meiste wurde von Generationen von Biologen als Abweichung, Dominanzverhalten oder Panne wegerklärt.

Als die kanadische Biologin Anne Innis Dagg 1958 den weitverbreiteten Homo-Sex der Giraffen offen beschrieb, konnte sie ihre Karriere knicken. Sie bekam schlicht keinen Lehrstuhl, die kanadische University of Guelph entschuldigte sich 50 Jahre später hochoffiziell für Letzteres.

Magda Wystub und Justin Time zeigen, dass die (Tier-)Welt erheblich vielfältiger ist als oft behauptet. Und sie machen freundlich darauf aufmerksam, wie sehr Voreingenommenheit und machtgestützte Besserwisserei die Sicht trüben können.

Ihre Tier-Parade zeigt auch stilistisch, wie es besser geht: Sie ist keine Belehrung, sondern eine gutgelaunte Einladung, die Augen zu öffnen, ein großes Vergnügen und gleichzeitig eine ernste Sache in Zeiten, in denen so viele Arten sterben und reaktionäre Kräfte immer lauter behaupten, queeres Leben sei wider die Natur.


Magda Wystub (Text), Justin Time (Zeichnungen):

Queere Tiere. Ein rebellischer Blick auf die

„natürliche“ Ordnung. Favoritenpresse, Berlin 2025,

165 Seiten, 24 Euro