Dienstag, 11. März 2025, Berliner Zeitung
„Die Menschen wollen betrogen werden“
Der Kriminologe Manuel Heinemann über Miet-Nomaden wie den Berliner Serientäter Demir und seine Opfer

Johann Voigt, Jannik Läkamp
Mit einem plötzlichen Ende sei nicht zu rechnen. „Ich glaube nicht, dass er aufhören wird“, sagt der Kriminologe Manuel Heinemann, als er sich den Fall Demir* ansieht. Demir ist ein mutmaßlicher Serienbetrüger in Berlin, der mit Klarnamen auftritt, von Wohnung zu Wohnung zieht und keine Miete zahlt. Außerdem vermietet er die Wohnungen unter, ohne, dass am Ende jemand einziehen kann – und kassiert die Kaution. Das zumindest werfen ihm etliche Betroffene vor, mit denen die Berliner Zeitung gesprochen hat. Zudem bestiehlt Demir seine Opfer, klaut von Hochzeitsfotos bis hin zu teurer Technik alles, was er kriegen kann, so die Vorwürfe. Gefasst wurde er trotz offenem Vollstreckungshaftbefehl und mehreren Ermittlungsverfahren, die gegen ihn laufen, bisher nicht.
Geld und Ansehen
Wie so ein Betrüger tickt, das weiß Heinemann genau. „Wenn jemand so erfolgreich betrügt, dann setzt das eine gewisse Intelligenz und Planungsfähigkeit voraus“, sagt er. Heinemann arbeitet im Bedrohungsmanagement, analysiert Verhaltensweisen von Amokläufern und Extremisten. Firmen beauftragen ihn beispielsweise, um Gutachten über Mitarbeiter zu erstellen, die sich radikalisieren. Welche Gefahr kann von ihnen ausgehen, fragt sich Heinemann dann und versucht, Antworten zu finden.
Und so ist er auch im Fall von Demir vorgegangen, als er Einblick in die Recherche der Berliner Zeitung erhält. Was motiviert diese Art Betrüger – und wie kann man sich vor ihnen schützen? Die wichtigste Frage, so Heinemann, ist die nach der Motivation des Täters. Warum tut er, was er tut? Was treibt so einen Menschen an, was sind seine Bedürfnisse?
Einerseits gehe es natürlich um Geld, oft auch um Ansehen. Aber auch um Bedürfnisse, die durch Geld nicht erreicht werden können: „Es ist spannend, dass solche Personen ihren eigenen Wert überhöhen, sich aber im Kern minderwertig fühlen und das kompensieren wollen.“ Allerdings, so Heinemann, ist es bei manchen Betrügern auch einfacher. „Es kann auch erlerntes Verhalten sein“, sagt der Kriminologe. Heißt: Wenn die Eltern betrogen haben, dann haben auch die Kinder oft weniger Hemmungen.
Betrügern gehe es laut Heinemann nicht nur darum, reich zu werden. Sondern auch um den Kick, das Machtgefühl, das ein gelungener Betrug in ihnen auslösen kann. „Es gibt genug Betrüger, die haben Geld für zehn Leute gehabt. Aber sie haben trotzdem weiter betrogen, weil sie das Spiel geliebt haben: Leute austricksen, sich schlauer, besser, unantastbar zu fühlen.“
Das Problem dabei sei, dass die Betrogenen das Spiel gerne mitspielen. „Die Menschen wollen betrogen werden“, sagt Heinemann. „Oder vermeintlich Gutes nicht hinterfragen.“ Das einfachste Beispiel dafür ist Werbung.
Auch wenn Betrüger ihren Opfern schaden, Menschen im Falle von Wohnungsscams auf der Straße landen oder ihr Erspartes verlieren, sind sie deswegen nicht unempathisch. Betrüger, sagt Heinemann, das seien Personen, die einen anschauen und anhand der Mimik und der Gestik ganz intuitiv wissen, wie sie an einen herankommen.
Auch im Falle von Demir, dem mutmaßlichen Serienbetrüger, beschreiben Betroffene ein ähnliches Verhalten. Er habe die Notsituationen und die Bedürfnisse der Betroffenen ausgenutzt, um an sein Ziel zu kommen. Heinemann bringt es auf den Punkt: „Betrüger geben den Menschen, die sie betrügen, das, was sie in dem Moment gerade brauchen. Betrug funktioniert über Sympathie. Die Betrüger kriechen in den Kopf der anderen Person und machen genau das, was ihr Sicherheit gibt.“
Das setze zwar sehr viel Empathie beim Betrüger voraus, so Heinemann. Das Leid des Opfers könnten die Täter jedoch oft abspalten. „Man kann gleichzeitig empathisch sein und genau wissen, was in der Person vorgeht und dennoch ignorieren, was der Betrug für das Opfer bedeutet“, sagt Heinemann. Die Betrüger würden sich dann einreden, keine Wahl gehabt zu haben. Oder lenken die Schuld gleich auf das Opfer, nach dem Motto: „Der andere hätte ja besser aufpassen können.“
Manche Betrüger würden sich laut Heinemann auch so sehr in ihrem Lügengebilde verlaufen, dass die eigenen Geschichten für sie zur Realität werden. Doch wie schützt man sich vor solchen Serientätern?
Fragt man Heinemann danach, zu was für Vorsichtsmaßnahmen er rät, dann appelliert er an Grundinstinkte. Mehr Wachsamkeit, mehr Vorsicht. Man solle sich immer fragen: Wen lasse ich in meine Wohnung? Will ich meine Wertsachen wirklich dort lassen, wenn ich die Wohnung untervermiete?
Das deckt sich mit Tipps von Verbraucherschützern, Polizei und Plattformen wie WG-Gesucht. Der Grundtenor: Seien Sie vorsichtig! Wenn etwas zu gut aussieht, um wahr zu sein, dann handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Betrug. Und natürlich müsse auch die Polizei gut ermitteln, Zusammenhänge herstellen. Im Fall von Demir laufen zwar viele Ermittlungsverfahren, das hält ihn aber offenbar nicht davon ab, weiterzumachen. Haben Betrüger keine Angst?
„Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Selbstüberschätzung zu groß ist. Das Risiko wird immer größer und die Person ist auf dem Radar der Polizei. Es gibt ein gewisses Anzeigenaufkommen, es wird nach dem Betrüger gesucht“, sagt Heinemann. Beeindruckend sei aber, dass Serienbetrüger oft selbst dann nicht aufhören können, wenn sich die Schlinge enger zieht. Denn für Serientäter ist das Betrügen oftmals eine Sucht. Gelingt eine Tat, wird Dopamin beim Betrüger ausgeschüttet. „Dann fühlen sich mächtig“, sagt Heinemann. „Das kann einen Suchtcharakter haben.“
Wie beim Raucher
Einen Weg raus aus dieser Sucht sieht Manuel Heinemann in einer Therapie. Die allerdings müsste der Täter aus eigenem Antrieb beginnen. „Aber wenn ein Betrüger keinen Leidensdruck dabei empfindet, sondern das Spiel schätzt, wird er sich keine Unterstützung suchen.“ Mit Repression sei bei solchen Menschen nichts zu erreichen, das sei ähnlich wie beim Rauchen. „Wenn ich Ihnen sage, das ist schlecht, hören Sie auch nicht einfach auf“, sagt Heinemann. „Gesetzestreue funktioniert nicht über Repression, und wenn, dann eher bei mittelgradigen Delikten.“
Ob bei dem mutmaßlichen Berliner Serienbetrüger Demir der Leidensdruck hoch genug ist, damit er sich Hilfe sucht, lässt sich schwer beurteilen. Mehrere Mails, die er nach einer Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen ihn an die Berliner Zeitung schickte, lassen jedoch eine Tendenz erahnen. So viel sei gesagt: Einsichtig zeigte er sich darin nicht.